Manches Gebiet in tropischen Regenwäldern ist besser untersucht als die Ökosysteme im alpinen Raum. Es ist zwar bekannt, dass bestimmte Arten aus der Gebirgswelt verschwinden. Doch selten wissen die Experten, ob dahinter natürliche Schwankungen stehen oder ob eine neue Strasse oder ein Skilift die Schuld trägt. Andererseits finden in den Alpen vorübergehend verschwundene, aber auch bis dato unbekannte Spezies neue Lebensräume. Wem die Hintergründe dafür nicht vertraut sind, der tut sich zwangsläufig mit der Planung schwer. Die Studie zur alpinen Biodiversität mit dem Hauptziel, die ganze Vielfalt des komplexen Lebensraumes der Alp Flix zu erfassen, kann somit helfen, den Dauerkonflikt zwischen Naturschutz und Tourismus zu versachlichen. Schon die Tatsache, dass die Biologen am «GEO-Tag der Artenvielfalt» im Juni 2000 auf der Alp Flix 20 Arten aus der Familie der Erzwespen erstmals für die Schweiz nachweisen konnten, ist weniger ein Zeichen für den Reichtum dieser Alp als vielmehr dafür, wie unerforscht manches Gebiet der Biologie noch heute ist. Experten für Erzwespen sind eben seltener anzutreffen als Edelweiss-Büschel im Hochgebirge. Noch wichtiger als die blosse Artenzahl ist für die Studie die Beziehung der Spezies untereinander. Erzwespen beispielsweise leben meist als Parasiten. Manche legen ihre Eier in die Nester von Insekten oder Spinnen, andere schmarotzen an ihnen. Oder sie haben sich als «Hyperparasiten» spezialisiert, die sogar Parasiten parasitieren. So kontrollieren sie die Bestände ihrer Wirte und spielen eine lange Zeit unterschätzte Rolle in der Balance von Ökosystemen. Unerforscht ist vor allem auch eine ganze Jahreszeit: der Winter. Der kann sich schon Mitte Oktober mit einem Meter Schnee über die Alp Flix breiten, in anderen Jahren lässt er sich erst Ende Dezember blicken. Solche Schwankungen haben einen enormen Einfluss auf die Biologie. Erst wenn uns das Pulsieren der Natur über Jahre und Jahreszeiten hinweg vertraut ist, können wir wirklich etwas über die Artenvielfalt sagen. Vielfalt ist eben mehr als die Summe aller Arten. Nach gängiger Biologenmeinung ist der Bergwinter in dieser Höhe so hart, dass die meisten Arten in einen Winterschlaf verfallen oder in frostresistenter Form erstarren, als Samen, Wurzeln, Eier, Larven. Gerade so, als sei die Natur für ein halbes Jahr abgeschaltet. Aber ist das wirklich so? Und was ist überhaupt das Entscheidende am Winter? Schon ob der erste Schnee nass oder trocken ist, auf weichen oder hartgefrorenen Boden fällt, bedeutet völlig unterschiedliche Lebensbedingungen. Deshalb sollen unter anderem Wetter- und Schneedaten mit dem Auf und ab von Populationen verglichen werden, um herauszufinden, wer wie auf welches Klima reagiert. Vor allem in kalten Perioden ohne Schnee erfrieren viele Pflanzen. Im Flachland würden sich nach solchen Phasen im Frühjahr die Pioniere, die Allerweltsarten, rasch ausbreiten und die Lücken wieder schliessen. Im Hochgebirge ist das anders. Dort leben fast nur Spezialisten für Extremstandorte, nicht gemacht für ein rasches Ausbreiten nach Katastrophen. Deswegen heilen die Wunden nach einem Bergrutsch oder an einer geschundenen Skipiste in der Höhe so langsam. Neben der Artenvielfalt, dem Funktionieren der Ökosysteme und Neuentdeckungen sind für die Wissenschaftler aber auch Erkenntnisse über die Ko-Evolution von Insekt und Pflanze. Die Studie zur alpinen Biodiversität soll einen Teil dieser offenen Fragen klären, Verständnis für die natürlichen Zusammenhänge schaffen und einen Teil des Geheimnisses «Schatzinsel Alp Flix» lüften, zum Wohle eines nachhaltigen Umgangs mit unserer Umwelt. Die Forschungsprojekte der Forschergruppen aus mehreren Ländern auf der Alp Flix sind mit Titel und Zielsetzung in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt. Die Resultate dieser Arbeiten finden Sie unter der Rubrik «Forschungsresultate». |